Persiflage im Zoch 1896: Aus dem Roten Funk wird in der Rotationsmaschine ein Blauer Funk – doch beide können sich in ihrer Historie auf die „Kölnischen Stadtsoldaten“ berufen.

Ein Karnevals-Geheimnis gelüftet: Die Funken-Historie geht auf den Gründungsort in der „Hembsmäuche“ zurück. Der erste „blau-rude Funk“ wird im Jahr 1780 erwähnt: Das Jubiläumsbuch „150 Jahre Blaue Funken“
von Frank Tewes gibt Aufschluss über den „wirklichen“ Gründungspräsidenten, stellt die Ideengeber der Funken-Artillerie vor, und – Achtung! – es enthüllt die Wahrheit über die „Spetz em Rusemondachszoch“

Wenn es in den letzten Jahren um die Historie der „Kölner Funken Artillerie blau weiß von 1870 e. V.“ ging, dann hieß es eigentlich immer: „Do jitt et nix.“ Denn ein Bombentreff er im Zweiten Weltkrieg hat das komplette Archiv vernichtet. Die Folge: Überlieferungen von vor 1945 sind geradezu miserabel. Da war der 150. Geburtstag ein guter Grund, tief in die Geschichte einzutauchen und in der Historie zu stöbern. Herausgekommen ist ein opulentes und reich bebildertes Buch aus der Feder von Journalist und Top-Köln-Chefredakteur Frank Tewes.

Das erste offizielle Korpsfoto der „Kölner Funken Artillerie“ stammt von 1873.

Erschienen ist das über 430-Seiten-umfassende Mammutwerk im Kölner Marzellen Verlag. Blaue-Funken-Präsident Björn Griesemann stellte das Jubiläumsbuch, das mit neuen historischen Erkenntnissen spannende Einblicke in die Geschichte der Blauen Funken gibt, beim „Jubiläumsklaaf“ im Gürzenich erstmals der Öffentlichkeit vor.

Über einjährige Recherche

„Über ein Jahr lang haben wir in den Kölner Archiven nach Spuren gesucht, die die Blauen Funken in unserer Heimatstadt hinterlassen haben. Wir haben über den Tellerrand geschaut und einige im Dunkeln verborgene Funken-Dinge wieder ans Licht geholt“, berichtet Autor Frank Tewes. Aus privaten Nachlässen – etwa dem des ersten Sprechers des Festkomitees Heinrich von Wittgenstein – und Artikeln in Tageszeitungen von 1860 bis 1945 lässt sich die Geschichte der Blauen Funken sehr viel besser erklären, lassen sich die Traditionslinien genau zurückverfolgen. „Dabei sind wir auf Dinge gestoßen, die manchen Funk und manchen Kölner überraschen“, so Tewes. Denn es gibt Neuigkeiten, die bisher in der Historie des Karnevals noch nie kommuniziert worden sind. So stellt es (nicht nur) für jeden Funk ein Füllhorn an Informationen dar.

Für das exzellente Werk hatte sich das Archivteam unter der Leitung von Dr. Gyula Sipos-Jackel im Vorfeld mächtig ins Zeug gelegt und ganze Arbeit geleistet. Ginge es nach den Roten Funken, dann ist die Herkunft der „Blauen Artillerie“ eh klar. Denn in einer Rotationsmaschine im Rosenmontagszug 1896 wird aus dem Roten Funk flugs ein Blauer Funk. Damit persiflierten die „Roten“ einst die ihrer Ansicht nach tatsächliche Herkunft der „Blauen“.

Blaue-Funken-Spuren schon weit vor 1870

Jedoch sind Spuren der Artilleristen-Funken schon weit vor 1870 in Köln zu finden: Auf einem Korpsfoto der „Kölnischen Funken“ aus dem Jahr 1867 ist deutlich erkennbar eine Gruppe Artillerie-Funken zu sehen – zwei Jahre zuvor sprechen die Karnevalsannalen sogar von 40 Artillerie-Funken im Rosenmontagszug. Schon 1828 hatten sich zwei Artilleristen unter die stattlichen Funken gemischt – und am 1. Februar 1824 besagt das Protokoll der „Carnevals-Gesellschaft“, dass „von der Artillerie zehn Mann zu Pferd durch das Dekorations-Comite gekleidet werden“.

„Woher wir wissen, dass 1824 und 1828 Artilleristen im Rosenmontagszug auftauchten? Von Unterlagen des preußischen Militärs, das dem ‚Festordnenden Comité‘ damals sogenannte ‚Miethlinge‘ für den Zoch zur Verfügung stellte – allerdings nicht kostenlos“, hat Tewes herausgefunden. So existieren Rechnungen des Militärs mit preußisch genau aufgezählten Dienstleistungen – Artilleristen waren jedenfalls dabei.

Posthum den „Ur-Blauen-Funken“ entdeckt

Die Geschichte der Artilleristen unter den „kölnischen Stadtsoldaten“ – also der legitimen Vorfahren der Blauen Funken – reicht sogar noch weiter zurück: 1769 ist in der Stadtgeschichte von einer „Batterie Artillerie“ die Rede, die im guten, alten Köln ihren Dienst verrichtete. Ein gewisser Joseph Otto leitete diese „Artillerie Compagnie“. Scherzhaft ausgedrückt wäre er also sozusagen eine Art „Ur-Blauer-Funk“. Außerdem zählten Artilleristen schon aufgrund der neuen Wehrverfassung des deutschen Reichstages zum Soldatenkreis der Reichsstadt Köln. Das war im Jahr 1654.

„Nein, nein, nein. Wir wollen die Stadt- und Karnevalsgeschichte ja gar nicht umschreiben. Unsere Gründung ist und bleibt im Jahr 1870“, stellt der amtierende Präsident Björn Griesemann lächelnd klar. Denn eines wissen die Blauen Funken zu Recht: Es zählen nicht Jahre und Jubiläen, auch keine zweifelhaften Geburtstage. Was zählt, ist Harmonie im Korps, Freundschaft untereinander und Authentizität. Und authentisch – das waren die Funken schon immer und das sind sie auch heute.

Zahlreiche Enthüllungen

Das Jubiläumsbuch bietet indes noch mehr an Neuem aus der spannenden Funken-Historie. Es enthüllt den Gründungsort in der „Hembsmäuche“, es zeigt den ersten „blau-rude Funk“ im Jahr 1780, es geht auf die Suche nach dem wirklichen Gründungspräsidenten, es stellt die Ideengeber der Funken-Artillerie vor, und – Achtung! – es enthüllt die Wahrheit über die „Spetz em Rusemondachszoch“ … Denn die existierenden Legenden „üvver de Spetz“ sind reichhaltig. Aber ob eine davon auch wahr ist? Auch die Zeit des Nationalsozialismus – die Rolle der Blauen Funken im Dritten Reich – wurde bei den Recherchen bewusst nicht ausgespart. Und die Geschichte liest sich fast so spannend wie ein Roman – inklusive eines Präsidenten, dem es gelang, in seiner Eigenschaft als Schiffsspediteur ein jüdisches Ehepaar vor der Verfolgung durch die Nazis zu retten.

Eine Frage ist noch zu klären: Warum ein Buch? „Weil ein Buch genau diese Nachhaltigkeit beschert, die wir mit neuen Medien (noch) nicht besitzen“, sagt Präsident Griesemann. Videokassette und CD-Rom haben bereits ausgedient. Heute sind es Internet und Social-Media-Kanäle wie Facebook, Twitter und Instagram – doch morgen können diese schon verschwunden sein. Das keineswegs angestaubte Medium „Buch“ hat die Jahrhunderte überdauert. Wenn es in der Archivierung um Nachhaltigkeit gehen soll, was ist nachhaltiger als ein Buch? „Und der Blaue Funk ist modern, aber er ist auch traditionell“, so Griesemann. Modern und traditionell ist auch das Buch geworden. Es erzählt nicht von Jahr eins bis Jahr 150, sondern in elf Blöcken, und zwar themenweise. Dazu sind zahlreiche Interviews mit Funken eingestreut, die von Anekdoten aus ihrem Funkenleben berichten. Kurzum: Es ist ein Stück wichtiger Zeitgeschichte.

Buchdaten:
„150 Jahre Blaue Funken“ von Frank Tewes
432 Seiten, Hardcover
21 cm x 28 cm
ISBN 978-3-937795-63-8
Marzellen Verlag Köln

Lesen Sie hier in unserer aktuellen Karnevalsausgabe weiter. Viel Vergnügen!

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